Archiv für April 2013

Wehmut

Neulich war ich mit Kiko und Yuriko 2 Tage unterwegs. Ich habe es sehr genossen, Kiko so lange am Stück zu erleben. Nach dem Ausflug kam so etwas wie Wehmut auf. Ich frage mich, ob ich da, im Gegensatz zu einer klassischen Familie mit nur 2 Eltern etwas verpasse? Durch die Vierteilung unserer Wochenzeit mit Kiko, bekomme ich in der Regel nur Ausschnitte aus ihrem Leben mit (in der Regel neben Mittag- und Abendessen circa 2,5h pro Tag plus alle 2-3 Nächte). Die Lücken werden durch Berichte der anderen gefüllt. Natürlich haben „normale“ Familien auch das Problem, dass sie nebenbei noch irgendwie Geld verdienen müssen und dadurch auch nicht permanent mit ihren Kindern zusammen sein können. Aber ich glaube, dass sie zumindest weniger große Lücken im Zusammensein mit Kind aufweisen, als ich. Zum Beispiel an den Wochenenden. So viel Vorteile unsere Gemely uns allen bietet, finde ich das doch einen Wermutstropfen. Ich bin einfach so fasziniert davon, Kiko beim Heranwachsen begleiten zu dürfen und ihr dabei zuzuschauen! Momentan ist sie mit Yuriko und Heiko 10 Tage unterwegs in Süddeutschland. Auf der einen Seite vermisse ich unser Gemelyzusammenleben mit Kiko, auf der anderen Seite habe ich seit langem mal wieder mehr Zeit für mich und Emma. Hin- und hergerissen.
A-lex

identität

vor nun bereits wieder vier wochen hatten wir mit der gruppe, deren teil wir sind, einen intensivtag. das heißt, wir haben uns den ganzen tag miteinander getroffen und alle möglichen anliegenden themen besprochen. ich nenne diese gruppe jetzt einfach mal die „gang“, weil sonst gleich alles durcheinander gehen wird. also: es gibt die „gang“, eine gruppe von freund_innen, die sich gemeinsam ein haus teilt, und innerhalb dieser gang gibt es dann noch die „gemely“, die gemeinsam kiko beeltert.

ein großes thema war an diesem wochenende die abgrenzung zwischen diesen beiden gruppen. wir haben unter anderem ein „spiel“ gemacht, bei dem die gang im kreis stand und immer eine person in die mitte gegangen ist und ein statement in den raum gesetzt hat. unter anderem sowas wie: „ich finde, dass die gemely dazu beigetragen hat, dass unser haus jetzt immer warm und wohnlich ist“. (genauer wortlaut war etwas anders, glaube ich). alle anderen, die sich dem statement anschließen konnten/wollten, sind dann auch in die mitte gegangen. was dann interessanterweise passierte war, dass bei dem gerade genannten nur ich, heiko, emma und a-lex in die mitte gegangen sind und die anderen nicht.

im anschluss daran haben wir in der runde zusammen gesessen und über die statements gesprochen und wie es uns gerade so geht mit diesen beiden gruppen. eine mitbewohnerin von uns hat dann gesagt, dass sie nicht in die mitte gegangen sei, weil sie nicht findet, dass das ein verdienst der gemely sei, sondern dass das immer mit einem kind einhergehe.
dann wurde uns noch gespiegelt, dass sich diese unsere haltung arrogant anfühlen würde, und dass die selbstbezeichnung als gemely etwas abgrenzendes und trennendes habe.

für mich war das sehr erhellend. und obwohl ich das natürlich nicht so leicht schlucken konnte, kann ich das auch nachvollziehen. wir kamen dann als gruppe zu der frage, warum eigentlich diese klare fixierung, wer zur gemely gehört und wer nicht, und das ganze überhaupt so zu nennen, so wichtig ist.

meine antwort darauf ist zur zeit, dass ich das konstrukt gemely als vertrauensrahmen brauche. gemely, das sind für mich die leute, die sich, wenn sie denn alle dürften, als sorgeberechtigte eintragen lassen würden, mit allen jahrelangen konsequenzen und der willenserklärung, für kiko da zu sein, bis sie erwachsen ist. ihr leben so umzubauen, dass die verantwortung für kiko darin platz hat.
ich brauche diesen identifikationsraum „gemely“, um einen rahmen zu haben, an dem ich mich festhalten kann. damit ich mir nicht mehr so viele gedanken machen muss, ob wir kiko mit diesen vielen eltern nicht vor allem das risiko von vielen beziehungsabbrüchen mitgeben.

was mit dieser definierung aber leider auch leichter passiert ist eine grenzziehung, die vielleicht so gar nicht nötig ist. ich zumindest freue mich total darüber, wenn auch andere aus der gang lust haben, für kiko da zu sein. und das findet in der praxis auch immer wieder statt. und kiko liebt alle aus der gang. zumindest freut sie sich immer sehr über alle. und ich glaube, dass die gang für kiko sowieso zu ihrem zuhause dazu gehört. und ich diskutiere so fragen, ob wir kiko impfen lassen, auch gern mit allen. und es gibt ja super viele themen – zum beispiel, wie lange wir das gemeinsame wohnzimmer noch als kiko-schlafraum squatten – die ganz klar alle betreffen. und dann gibt’s aber auch themen, wie zum beispiel, für wen wir bei der kinderärztin eine vollmacht hinterlegen, dass er/sie allein mit kiko hingehen und alles entscheiden darf, die für mich irgendwie verknüpft sind mit dem grad der verbindlichkeit.

naja – und dass dieser grad der verbindlichkeit aber auch wieder viel mit der freiheit und den möglichkeiten der einzelnen zu tun hat, in ihrem leben derzeit so viel platz für ein kind einzuräumen, ist mir auch klar.

ich hoffe, dass diese gemely-identitätsgrenze sich langsam immer mehr entspannt und wir rollen und bezeichnungen finden, die sich für alle gut anfühlen. die der situation gerecht werden, aber sich nicht ausschließend anfühlen. und wahrscheinlich ist es auch ganz gut, wenn „wir“ gemelies mal ein bisschen runterkommen von unserem „wir sind ja so cool, weil wir ein alternatives beelterungsmodell leben“-trip. es geht ja nicht um hippness, sondern darum, ein modell zu erfinden, dass ganz genau UNSEREN (und mit unser meine ich jetzt auch die gang) bedürfnissen entspricht, mit einem kind zusammen zu leben. und hoffentlich auch den bedürfnissen des kindes. und es geht nicht darum, wieder neue normen zu setzen – „SO sollten alle mit kindern leben und nicht in einer pfui bah kleinfamilie“!. aber irgendeinen rahmen zum festhalten brauche ich anscheinend schon.