Maximale Empathie

Wir haben in letzter Zeit öfters das Problem, dass unser ältestes Kind Kiko, die sich mit sechs Jahren natürlich wunderbar artikulieren kann, unbedingt nur mit Yuriko oder Emma „die Nacht machen“ will. Dass also A-lex oder ich sie nicht ins Bett bringen und neben ihr schlafen sollen, sondern eine der Frauen. Bei A-lex war das so heftig und häufig, dass er seit einigen Wochen gar nicht mehr die Kiko-Nacht macht, sondern nur noch die Jungs.

Jetzt sind A-lex und Emma eine Woche mit den Jungs verreist gewesen und Yuriko und ich waren allein mit Kiko zu Hause. In dieser Zeit hatte ich wesentlich mehr Büroarbeit zu tun als Yuriko, und vor allem in den nicht klar definierten Zeiten (beim Essen, nach dem Abendessen) klebte Kiko mehr an Yuriko als an mir. Und an den letzten zwei Abenden gab es jeweils Drama, weil Kiko „auf gar keinen Fall, kommt überhaupt nicht in Frage“ die Nächte mit mir machen wollte, sondern Yuriko sollte mit ihr schlafen. Am ersten Abend war die Situation, dass wir sie in die (rauchfreie) Dorfkneipe mitnahmen, wo sie begeistert herumflippte, während Yuriko an der Theke half und ich herumsaß und mich unterhielt. Andere Kinder waren auch da, die nach und nach umkippten und dann dort auf dem Sofa schliefen. Kiko nicht, sie wurde nur langsam müde, und als es unvermeidlich wurde, sie nach Hause und ins Bett zu bringen, da klammerte sie sich an Yuriko und wollte auf keinen Fall mit mir die Nacht machen. Ich war zu dem Zeitpunkt genervt von Yuriko, weil sie immer bereit zu sein scheint, Kiko mit dem größten Verständnis zu begegnen, auch wenn klar sein sollte, dass Kikos Ansprüche (nach einem Tag, an dem wir ihr permanent entgegenkamen und sie mit Aufmerksamkeit, Pommes und Süßkram regelrecht überschütteten) ungerechtfertigt sind ich zuständig bin. Warum kann sie da nicht mal klar zu Kiko sagen: „Bitte lass mich jetzt mal, Heiko ist da drüben und kümmert sich gern um dich“. Als ich das (auf Englisch, damit Kiko und nicht versteht) zu Yuriko sagte, erwiderte sie, dass Kiko gerade emotional drüber sei… Da rollte ich endgültig mit den Augen. Wir haben es geschafft, Eltern zu werden, die ihr Kind erst nach Strich und Faden verwöhnen und sich dann trotzdem noch von jeder Träne um den Finger wickeln lassen – dabei versuche ich oft, das sehr schnell eintretende dramatische Geschrei meiner Tochter einfach in ein „nein“ zu übersetzen – und es nicht zu überbewerten. Sie weiß schließlich auch, dass Geheule mehr Eindruck macht und wirksamer ist als kein Geheule.

Ich „durfte“ Kiko dann ins Bett bringen unter dem Eingeständnis, dass sie in meinem Zimmer in meinem Bett schläft. Das war ok, es war spät und ich wollte sowieso auch ins Bett.

Am Abend danach, an dem Kiko sicher müde war, weil sie nach dem Kneipenabend viel weniger geschlafen hat als sonst, hat Kiko nach dem Abendessen ganz vertieft mit Autos gespielt. Wir Erwachsenen (wir hatten noch einen Gast) haben uns am Tisch unterhalten. Als es los ins Bett gehen sollte, ging das Theater wieder los: Heiko soll auf keinen Fall die Nacht haben. Kiko auf Yurikos Arm usw. Wenn Yuriko selbst nicht sehr müde gewesen wäre, hätte es mich in dem Moment nicht gewundert, wenn sie sich von Kiko hätte überreden lassen, mit ihr zu schlafen, aber als Kompromiss wurde nur ausgehandelt, dass sie das erste von den drei letzten Kapiteln unseres aktuellen Conni-Vorlesebuches liest. Danach Abschied und ein einfaches Ins-bett-bringen von Kiko durch mich.

Danach gab es allerdings noch eine Art Auswertungsgespräch zwischen Yuriko und mir. Ich sagte ihr, dass ich finde, sie sollte in einer Situation wie in der Kneipe eindeutiger, ja vielleicht sogar härter zu Kiko sein, damit ich überhaupt von Kiko als Bezugsperson wahrgenommen werde. Sie hat sich darüber aufgeregt und fand vielmehr, dass ich an den beiden Abend zu wenig im Kontakt mit Kiko war, während die Zeit des Schlafengehens näher rückte. Sie meinte, dass sie sich durchaus konsequent findet, aber eben immer versucht, einen Zugang zu Kikos Gefühlen zu kriegen, die an den beiden Abend durch ihre Müdigkeit halt ziemlich durcheinander waren. Das versucht sie auch mit anderen Menschen und das sei wahrscheinlich auch ein Teil des Grundes, warum unsere Beziehung (und ich vervollständige: Auch unsere Beziehung als Co-Elternschaft (=Gemely)) so gut funktioniert. Und das wird sie jetzt bestimmt nicht bei ihren eigenen Kindern ausschalten.

Da ist sicher was Wahres dran. Yuriko ist ein sehr empathischer Mensch, was es uns leicht macht, mit ihr Beziehungen zu führen. Und das merken auch die Kinder. Anstatt auf Yurikos „Weichheit“ zu schimpfen, gilt es wohl eher, mich selbst einzufühlen, wo Kiko steht, wenn ich mit ihr zusammen bin.

An den beiden Abenden, die ich geschildert habe, habe ich Kiko jedes Mal „frei laufen“ lassen bis kurz vor dem Zeitpunkt, an dem ich sie ins Bett bringen wollte. Besser wär’s gewesen, frühzeitig in Kontakt mit ihr zu gehen und Verbindung aufzubauen. Und auch A-lex und Emma sind abends manchmal weniger zielgerichtet auf das Kind/die Kinder, die wir ins Bett bringen wollen – da wird dann kurz vorher noch telefoniert oder kurz verschwunden…

Ich werde mal darauf achten, ob ich das umsetzen kann, was Yuriko gesagt hat.

Doch auch mal Probleme

Gestern Abend war ich mit Kikos Nachtschicht dran – durfte aber nicht. „Heiko soll nicht meine Nacht haben“, unter Tränen vorgetragen, immer wieder… „Emma soll die Nacht haben!“ Genau, Emma, die vor wenigen Jahren darüber klagen musste, dass Kiko immer wieder andere bevorzugt, war gestern die Nummer eins. Und Heiko, also ich, sollte auf keinen Fall.
Das gab es auch schon mal mit A-lex, dass Kiko mit Schreien, Händen und Füßen dagegen gekämpft hat, dass A-lex ihre Nacht hat. Warum, haben wir schon damals nicht verstanden (und in der Nacht darauf durfte er dann ohne Widerspruch Kikos Ins-Bett-Bringer sein). Damals hatte sich schließlich Yuriko „erbarmt“ – „erbarmt“ weniger deswegen, weil es schlimm wäre, mit Kiko die Nacht zu machen, sondern eher, weil es so doof für den/die Verschmähte(n) ist. Damals hat, glaube ich, niemand im Blog darüber geschrieben. Und ich fand A-lex in diesem Fall selbst zu passiv. Als Kiko schon beim Abendessen wiederholt ankündigte, dass sie auf keinen Fall mit A-lex die Nacht machen würde, blieb A-lex stumm. Auf unsere Nachfragen zuckte er mit den Schultern und erklärte, dass sich das doch sowieso erledigen würde, wenn sie erst mal beim Abendritual angekommen wären (Dinkelmilch trinken, Buch vorlesen). Tatsächlich hatte es in der Vergangenheit immer mal vereinzelt Widerstand bei Kiko gegen unsere Zuständigkeitseinteilungen gegeben, der sich dann immer in Luft auslöste. Als es dann ernst wurde und Kiko, wie beschrieben, nicht lockerließ, fand ich im Nachhinein, dass sich A-lex mehr hätte bemühen müssen. Aber dann war ich gestern in derselben Situation, und wie sollte ich mich „bemühen“? Was sollte ich denn machen?
A-lex war schon gegangen, Yuriko hatte frei und war totmüde, Emma hatte die Zwillinge und ich eben Kiko. Und dann wollte sie nicht, erklärte wieder, „auf keinen Fall“ mit mir die Nacht zu machen. Genau wie A-lex damals nahm ich das nicht besonders ernst. Emma fragte mich, ob wir Kinder tauschen würden, aber ich winkte ab, nein, das klappt schon! Ich hatte erst in der Nacht zuvor die Zwillinge und „ich will ja auch mal wieder mit Kiko die Nacht machen!“, sagte ich.
Es eskalierte dann, als wir alle fünf (Emma, ich, die drei Kinder) nach oben ins Zwillingsschlafzimmer gingen und Kiko sich nicht von Emma lösen wollte, bis ich sie schließlich aufklaubte und nach unten trug. Da schrie sie dann, so laut sie konnte – in meinen Ohren nur noch Klingeln.
Vielleicht erkläre ich an dieser Stelle mal, dass Kiko müde war. Die letzte Nacht wäre ich nämlich auch schon dran gewesen, aber Kiko wollte mit einer Freundin im Zelt schlafen, und das mache ich nicht mehr mit, wie ich ihr erklärt habe, bis sie in ihrem eigenen Zimmer allein schlafen kann. So lange sie das nämlich nicht kann, klappt es meiner Erfahrung nach auch nicht, dass sie mit anderen Kindern zusammen schläft, ohne nachts dann doch wieder zu einem ihrer Elternteile zu wollen. Ich hab das oft probiert und hab darauf keine Lust mehr: Das Einschlafen dauert ewig, mitten in der Nacht muss ich dann doch dazukommen oder sie abholen (was problematisch ist, wenn ein anderes Kind z.B. im Zelt mit dabei ist, für das ich auch zuständig bin), morgens ist sie dann noch müde, obwohl die Nacht vorbei ist. Und da bleibe ich inzwischen konsequent. Also hatte ich in der Nacht zuvor die Zwillingsnacht gemacht, obwohl ich schon mit Kiko dran gewesen wäre. Yuriko schlief mit Kiko und ihrer Freundin im Zelt, weil sie Kiko ihren Zeltübernachtungswunsch eben nicht abgeschlagen hat – aber beide schliefen eben, wie erwartet, nicht genug, deshalb waren auch beide gestern tagsüber ziemlich fertig. Und Kiko am Abend völlig „drüber“. Deshalb hab ich das schreiende Kind auch einfach weggetragen, weil wir mit ruhigen Worten bei der müden Kiko meiner Meinung nach nicht mehr weit gekommen wären.
Unten tauchte dann aber Yuriko wieder auf, die mir Kiko abnahm und mit viel Verständnis, aus ihrer Sicht sicher gerechtfertigt, „dazwischen ging“. Minutenlanges Umarmen (Yuriko und Kiko) auf dem Sofa folgte, während dem ich immer noch dachte, „wenn ich jetzt einfach mit Kiko weitermachen dürfte – Milch und Buch – würde sich das Problem schon auch erledigen und sie würde sich nicht mehr weiter drüber beschweren, dass ich die Nacht habe“.
In der Zeit klärte ich noch kurz mit Emma, dass ich Kiko auch zu ihr bringen dürfe, wenn die Zwillinge schlafen und Kiko bettfertig sei, dann würde Emma mit allen drei Kindern schlafen. Diese Möglichkeit konnte ich Kiko also als Ausweg präsentieren, dachte dabei aber, dass wir das sicher nicht in Anspruch nehmen würden, wenn wir erst zusammen den Abend beginnen würden.
Ich durfte dann endlich die Milch bringen, Buch vorlesen, Yuriko verabschiedete sich und dann hatte Kiko noch Hunger. (Denn da wäre noch so ein „Problem“, dass aber wohl nicht Gemely-spezifisch ist: Wenn wir um 18:30 essen, hat Kiko oft keinen Hunger, und will weiter spielen. Und isst dann erst viel später. Wenn sie wirklich keinen Hunger hat und offensichtlich später dann schon, wäre es wohl sinnlos, sie um 18:30 zum Essen „zu zwingen“ – aber es ist auch blöd, ihr dann später eine Privatmahlzeit auftischen zu müssen). Dann mussten wir noch ihren Nachtkram aus dem Zelt holen, Zähne putzen, etwas Zeit totschlagen, in der die Zwillinge einschlafen, dann noch aufs Klo und dann – wollte Kiko weiterhin auf jeden Fall mit Emma schlafen. Da war ich dann echt erstaunt, etwas traurig, ziemlich ratlos.
Als ich sie an Emma übergab und sie mir (von sich aus) einen Gute-Nacht-Kuss gab, fragte ich noch „soll ich jetzt nie wieder die Nacht mit dir haben?“ und sie verneinte entschieden. Doch, klar soll ich mal wieder die Nacht mit ihr haben. Es war also so, dass sie sich einfach gestern in den Kopf gesetzt hatte, nicht bei mir zu bleiben, warum auch immer.

Ein Teil von mir denkt sich, dass ich vielleicht auch mal nicht mehr die Nacht mit ihr haben will. Denn nicht nur ist es verletzend, so abgelehnt zu werden; Kiko kann auch sehr unfreundlich sein. Den ganzen Abend kann man, wenn man Pech hat, auf jede freundliche Frage (z.B. „Ist das auch dein Kissen?“, „Musst du nochmal aufs Klo?“) eine total übertriebene teenagermäßige OMG-Grimasse ernten „Natürlich nicht, was denkst du denn???“ Oder „Hallooo??? Natürlich nicht!“.

Wie gesagt, Kiko war müde. Aber es kann doch auch nicht sein, dass sie alles von uns kriegt, was sie sich in den Kopf setzt. Nur, weil sie ihren Unwillen – den wir Erwachsenen hundertmal am Tag runterschlucken müssen – so lautstark ausdrückt. Vielleicht will ich ihr um 20:00 Uhr auch nichts mehr zu essen geben, aber anstatt zu schreien, zu schimpfen, wegzurennen oder einfach stoisch immer wieder zu sagen „Mir doch egal“, lenke ich ein. Das hat sie nicht nötig. Wie kann das nur sein? Warum sitzt sie immer am längeren Hebel?
Eine Antwort ist wohl, weil sie aus den Folgen, die sich aus ihrer Verweigerung ergeben würden, noch nichts lernen kann.
Wenn sie abends nicht ins Bett wollen würde und wir sie aufbleiben ließen, bis sie irgendwann vor Müdigkeit umkippen würde, wäre sie den ganzen nächsten Tag müde und schlecht gelaunt, aber nicht in der Lage zu verstehen, dass das mit ihrem Nicht-Ins-Bett-Gehen am Tag zuvor zusammenhängen würde.
Andere Antwort: weil wir selbst Probleme hätten, wenn wir nicht einlenken.
Wenn sie um 18:30 nichts isst und wir ihr um 20:00 Uhr nichts mehr geben würden und sie dann hungrig wäre und nicht schlafen könnte, hätten auch wir Erwachsenen eine schlaflose Nacht. Genauso, wie wenn es dabei geblieben wäre, dass ich Kikos Nacht habe und sie nicht eingelenkt hätte: Sie hätte sich weigern können, mit mir ins andere Haus zu gehen, sie hätte nach oben stürmen und die Zwillinge dabei aufwecken können, sie hätte einfach nicht mit mir mitgehen können. Ich würde sie nicht gegen ihren Willen in ihr Zimmer tragen, und wenn ich es täte, würde sie von dort wieder weglaufen (und dann wahrscheinlich Yuriko wecken, deren Zimmer neben ihrem und meinem liegt).
Noch eine Antwort: weil wir nicht guten Gewissens zu unseren eigenen Regeln stehen können.
Z.B. soll Kiko nichts essen müssen, wenn sie nicht hungrig ist. Und wenn sie nicht in den Kindergarten will und die Person, die mit den Zwillingen zu Hause bleibt, einverstanden ist, dann spricht eigentlich nichts dagegen, dass sie zu Hause bleibt.

Andererseits soll Kiko doch ihre Grenzen kennen. Die scheinen bei uns verhandelbar zu sein, bis auf ein paar eher banale Regeln wie „keine Füße auf den Tisch“, „kein Essen auf dem Podest“, „Geschwistern nicht einfach was wegnehmen, auch wenn es deiner Meinung nach dir gehört“. Irgendwie ist mir unwohl dabei, dass Kiko letztlich immer kriegt, was sie will.

Was bleibt sonst noch aus der Erfahrung von letzter Nacht:
• „Ich will auch mal wieder mit Kiko die Nacht machen“ – vergiss es. Wenn sie partout nicht will, dann bringt das nichts und dann tu ich mir selbst auch keinen Gefallen, so was durchzuziehen, wenn es anders geht. Dann mach ich lieber die Nacht mit den Jungs. Ich bin halt bloß so unflexibel und freu mich immer schon so, abends, wenn sie eingeschlafen ist, noch Zeit in meinem Zimmer zu haben, denn Kikos Zimmer ist im neuen Haus, in dem auch mein Zimmer liegt.… Wenn die Zwillinge schlafen, kann ich nur ins Wohnzimmer gehen, denn die Zwillinge schlafen im „alten“ Haus, in dem sonst nur noch die Wohnküche ist (kleines Haus – deshalb haben wir ja noch eins gebaut).
• Dass andere Elternteile mit Kiko Dinge tun, die ich nicht tun würde (Zelten mit Freundin), kann ich gar nicht verhindern. Aber ich sollte auch daraus die Konsequenz ziehen und mir klarmachen, was das dann für den nächsten Abend bedeutet, und mit den beteiligten Eltern frühzeitig klären, wer dann die Konsequenzen trägt (wer macht die Sonntagnacht mit einer übermüdeten Kiko, nachdem Yuriko mit ihr und einer Freundin Im Zelt nicht genug schläft?). Aber das kannste vergessen, das kriegen wir nicht schnell genug überblickt und abgesprochen, wenn die entsprechenden Entscheidungen getroffen werden.
• Das mit dem Konsequenzen-für-mich-ziehen ist trotzdem interessant. Es gab nämlich gestern oder vorgestern sogar noch ein Problem (das ist in diesem Blogeintrag schon das vierte nach der Nacht-Geschichte und dem Nicht-Mitessen und der Unfreundlichkeit): Nämlich gab es Aufbackbrötchen zum Frühstück, und Kiko bekam eins mit Schokoaufstrich geschmiert, das sie aber nicht aß. Der Vormittag schritt voran, und um 11:00 Uhr hatte Liam Hunger und schnappte sich Kikos Brötchen. Ich schritt ein und sagte zu Kiko, dass sie ihr Brötchen jetzt essen soll, sonst dürfte es jemand anderes essen. „Ich ess es später!“, war ihre Antwort. Ja, das kenne ich gut, oft bleibt die Leckerei dann so lange liegen, in der Plastikbox oder im Kühlschrank, bis keiner sie mehr mag. Es folgte eine lange Diskussion; immerhin nahm sie das Brötchen an sich und aß es schließlich auch auf. Meine Schlussfolgerung: superaufmerksam sein und so was vorhersehen und entsprechend konsequent sein, z.B. mit einer Ansage beim Frühstück um 8 Uhr: „Was bis 10 Uhr nicht gegessen ist, wird frei für alle“. Da hab ich meine Miteltern aber auch nicht an Bord, obwohl wir schon oft einst Leckeres wegwerfen mussten, weil Kiko es unbedingt aufheben wollte – die finden, dass Kikos Eigentumsrecht sozusagen respektiert werden müsste… Während ich „ihre“ Brötchen schon mal gern an andere hungrige Kinder verfüttere, vor allem, wenn sie sowieso schon mehr gehabt hat als andere. Außerdem nützt es nicht viel, sich vorzunehmen, superkonsequent zu sein…

Morgen Abend machen wir ein Gemely-Treffen, da wird es sicher auch um die geschilderte Episode gehen…

Sprechende Hunde und keine Batterieprobleme

Heute hat mich zum ersten Mal einer von den Kleinen gefragt „Hast du heute die Nacht?“ Es ist immer noch ein bisschen so, als würde das Haustier auf einmal mit einem sprechen (und oft genug sind unsere Zwillinge im Spiel auch Katzen oder Hunde, die alles mögliche im Mund anschleppen…). Jetzt können die plötzlich sprechen. Manchmal muss man ihnen erst mal den Schnuller rauszupfen, um zu verstehen, was gebraucht oder erklärt wird, aber manchmal ist es auch glasklar: „Hast du heute die Nacht?“ Das war jetzt in diesem Fall Ta, unser Lockenkopf, der mich das gefragt hat, und ja, ich habe heute die Nacht. Und beide schlafen schon. Zähne geputzt und von der geliebten Nacktheit in gewindelten und verschlafanzugten Zustand versetzt – hab ich gut gemacht.
Vor dem Einschlafen habe ich ihnen, das passt zu den fortschreitenden Sprachkenntnissen, heute auch zum ersten Mal ein Kinderbilderbuch vorgelesen, eins, dass Kiko auch noch gerne liest (Mama Muh) und nicht nur eins von den Büchern für die ganz Kleinen (z.B. „Pip und Posy: Die kleine Pfütze“ – obwohl das auch ein ganz ganz tolles Buch ist). Und dann Buch weglegen, Licht ausmachen, kurzes Gemaule aushalten und dann dem Ta noch die Hand geben, damit er meine Finger festhalten kann. Paar Minuten später war schon Ruhe.

Beim Einschlafen habe ich an eine Situation im Urlaub gedacht, als ich mit den beiden bei einem anderen Kind zu Besuch war, das kaum älter war als sie, aber ein ferngesteuertes Auto hatte. Da haben die beiden gestaunt. Haben sie noch nie gesehen. Das hat mich gerade ein bisschen beschäftigt. Hier bei uns im Dorf gibt es kaum Elektronik für die Kinder. Waren sie da irgendwie unterlegen, als sie damit konfrontiert waren, dass ein anderer kleiner Junge mit einem ferngesteuerten Auto spielt? Glücklicherweise ging das sehr soft und ohne Wertungen vor sich – der Junge fand es schön, Liam und Ta alles zu zeigen und sie dann anschließend selbst damit spielen zu lassen. Wenn die Kinder solche Situationen etwas älter erleben, läuft das vielleicht nicht mehr so glatt, vielleicht gilt dann als uncool, wer bestimmte Gadgets nicht kennt. Andererseits sind Liam und Ta zu zweit und haben dermaßen Spaß miteinander, dass ein ferngesteuertes Auto da sowieso nicht mithalten könnte. Zusammen sind sie unbesiegbar.

Aber auch bei Kiko hab ich noch nicht erlebt, dass sie wegen mangelndem Aufwachsen in der Tüdeldüt-Welt dann in solchen Situationen außen vor wäre. Sie ist jetzt fast sechs und hat immer noch kaum Kontakt zu Elektronik, während andere Zweijährige schon Fotos mit den Handys ihrer Eltern machen. Trotzdem habe ich Kiko im Umgang mit anderen nicht unterlegen gesehen. Im Gegenteil. Obwohl sie oft erstaunlich unfreundlich zu anderen Kindern ist, wollen viele mit ihr spielen. Ihr fällt halt schnell was ein, was man machen kann – da reicht irgendwas, Stöcke, Steine, Wasser, Sand (das sind ja auch schon die wichtigsten Zutaten für z.B. einen Zaubertrank, falls Sie das noch nicht wussten).

Kein Grund zur Sorge also offensichtlich. Das ist ja auch genau der Grund, warum so wenig in diesen Blog geschrieben wird. Es läuft ziemlich glatt bei uns und es vergeht kein Tag, an dem wir das nicht aktiv wertschätzen. Wir haben wenig Geld und kommen nicht viel rum aber es geht uns doch echt sehr gut!

Kiko ist gerade mit A-lex auf Familientreffen in der Schweiz (ok, die kommen rum), wir anderen 3+2 sind hier in der Hitze (Sommer 2018! Wenn Sie diesen Beitrag in 30 Jahren lesen, fragen Sie jemanden, der dabei war!). Die Kinder waren in den letzten drei Monaten mehr nackt als bekleidet, wir Eltern ziehen uns auch manchmal einfach aus. Es gibt ein Planschbecken und im Dorf einen Teich und für die aktiveren Eltern (alle außer mir) auch diverse Freibäder in der Umgebung. Wir hüten die Kinder jetzt oft auch dann allein, wenn alle drei Kinder da sind, also auch am (kindergartenfreien) Nachmittag. Vor allem Emma und Yuriko sind da recht tough, ich mag das nicht so gern und wünsche mir, mit drei Kindern zu zweit zu sein. Aber ich krieg auch nicht immer, was ich will, und dann schaff ich es auch alleine mit den dreien. Kiko zieht eh schon gern mit Freindinnen los. Nächte sind immer noch Twins, frei, Kiko, frei, Twins, frei… Und das ist witzig: Denn es ist ja gar nicht schlimm, in unserer Familie die Nacht mit den Kindern zu haben. Es ist halt ein bisschen schöner, den Abend selbstbestimmt und/oder mit der Liebsten (oder jemand anderem Lieben) zu verbringen. Und dieser Unterschied zwischen „schön“ und „ein bisschen schöner“ führt dann im menschlichen Hirn (bzw. in meinem) schon dazu, sich nach den Kindernächten schon wieder auf die nächste kinderfreie Nacht zu freuen. Wenn ich also heute Abend die Kinder habe, habe ich morgen Abend frei – und freu mich drauf. Wenn ich heute Abend frei habe, freie ich mich auch drauf. Diese kleine Wellenbewegung zwischen schön und schöner trägt, glaube ich, dazu bei, dass ich eigentlich immer ganz froh bin :-)
Und wenn es mir mal nicht so gut geht, dann hat das nichts mit der Gemely zu tun.

Der Furchtbare Februar

Der Februar war furchtbar. An den Januar kann ich mich kaum noch erinnern und der März schwankt zwischen leicht und durchwachsen.

Die Kinder allerdings bringen wir lachend und lernend durch die Tage. Bis auf die Tage, an denen sie selbst krank waren, ist ihr Aufwachsen in gewohnter und inspirierender Umgebung kaum – oder eigentlich gar nicht – beeinträchtigt. Das schicke ich gern voraus: ich schreibe über m e i n e Befindlichkeit und nicht über eine Krise, in der die Kinder leiden müssen.

Im Februar war A-lex nicht da. Er hat sich eine Auszeit genommen, um sich aus seinen destruktiven Arbeitsmustern zu befreien und um eine neue Perspektive auf sein Leben zu gewinnen. Er sollte das besser selbst beschreiben.
Ich hatte es damit nicht so leicht, ich hatte das Gefühl, nicht gefragt worden zu sein und eben damit klarkommen zu müssen, dass er uns mal eben den Rücken kehrt. Und dann waren in diesem Monat einfach alle mal krank. Erst Emma gleich vollständig acht Tage nach A-lex’ Abreise, dann war ich vier Tage verreist und dabei krank, konnte nach meiner Rückkehr aber wenigstens noch ein bisschen Kinder mitbetreuen, die dann auch krank wurden. Bei den Zwillingen äußerte sich das in einer großen Mattheit und in schlechtem Schlaf. Die Ärmsten saßen schwach auf dem Sofa rum und verstanden selbst nicht, was mit ihnen los war. Ab und zu mal ein schwankender Gang durch die Küche, dann wieder zurück auf den Schoß, Buchanschaun und Milch trinken.
Kiko hat es auch erwischt: Kein Kindergarten. Und dann lag Yuriko darnieder. Also immer nur zu zweit mit den Kindern, mit angeheuerter Unterstützung aus dem Dorf, die aber unterschiedlich gut von den Kindern angenommen wurde (der im letzten Eintrag erwähnte Helfer hatte uns auf dem letzten Drücker versetzt). Es war einfach total mühsam. Und ich habe original überhaupt nichts geschafft – ich versuche ja seit Monaten, noch die letzten Sachen auf der Baustelle fertig zu kriegen.

Als A-lex wieder da war, war alles wieder einfach: Die Kinder sofort Feuer und Flamme – wir hatten befürchtet, dass sie fremdeln – und auch endlich mal wieder Zeit ohne Kinder haben.

Jetzt ist A-lex auch krank geworden, außerdem ist er schon wieder im Arbeitsstress – nur diese Woche, da ist einfach besonders viel zu tun, wird er wahrscheinlich sagen; irgendwas wird sich schon verändern/verändert haben durch die Auszeit, auch wenn er das mir gegenüber noch nicht benannt hat oder benennen konnte. Ich bin jetzt auch einfach nur froh, dass er wieder da ist, und er wird ja auch wieder gesund. Das ist also das Leichte am März: Wir sind wieder zu viert und im Großen und Ganzen werden wir wieder die komfortable Viererelternschaft leben dürfen, die selbst auch schon wieder etwas komfortabler geworden ist, weil die Kinder einfach schon wieder ein Stück selbstständiger geworden sind (und die Kleinen jetzt nachts fast/meist durchschlafen). Lassen sich jetzt oft auch gut alle drei allein betreuen. Das Durchwachsene kommt eher von einer Düsternis aus mir heraus – bin nicht zufrieden mit mir, nicht belastbar, mein Blick ist nur noch auf die To-Do-Liste gerichtet. Übernächste Woche wollen wir mir freiwilligen Helfer*innen auf unserem Gelände werkeln, und ich merke: Ich kann keine einzige weitere Aufgabe annehmen, sonder nur noch das fertig machen, was auf meiner Liste steht. Dann ist es vorbei mit Bauen. Wie lange? Weiß ich nicht. Was danach kommt? Weiß ich eigentlich schon, aber bin ich überhaupt in der Lage, ein neues Projekt zu beginnen? Ich bin verunsichert, Mit den Kindern kann ich lustig sein und ich werde viel bekuschelt und angestrahlt. Aber selbstsicher bin ich gerade nicht. Gemely hin oder her.

Von den Kindern gibt es zu berichten: Kiko schwankt zwischen Konkurrenzverhalten zu den kleinen Brüdern (Streit, wer auf meinem Schoß sitzen darf!) und großer Selbständigkeit (anziehen, aufräumen, spielen). Nennt auch uns Väter weiterhin unbeirrt „Mama“. Vorgestern gab es einen Schreianfall, weil sie auf keinen Fall die Nacht mit A-lex machen wollte, da ist richtig was schief gelaufen, sie hat das schon beim Abendessen verkündet, wir haben es ignoriert, weil sie so was öfter mal sagt und dann ist es doch kein Problem, wenn A-lex sie ins Bett bringt. Aber diesmal hat das nicht geklappt und in der Rückschau war es verkehrt, dass wir (bzw. A-lex) da nicht frühzeitig drauf eingegangen sind. Ich habe letztlich die Nacht gemacht, aber der Weg dahin war unnötig schmerzvoll und dramatisch. Am nächsten Morgen hat sie dann mit A-lex gekuschelt, als ob nie was gewesen wäre, und wenn er nicht krank geworden wäre, hätte sie sich wohl auch leicht von ihm ins Bett bringen lassen.
Die Zwillinge: Quietschfidel, vertieft, neckisch, hungrig, entschlossen, beredt („Scheppach“ heißt Ketchup und ist wichtig, Das Omelett aus den ausgeblasenen Ostereiern hieß „Eierbecher“ und dann redet vor allem Noam ganz viel von seiner Omaellen (Oma Ellen)). Die beiden sind kaum zu beschreiben, die muss man sehen, und wenn man sie sieht, grinst man die meiste Zeit…

Viele weitere Blogeinträge wollen noch geschrieben werden…

Februarherausforderung

Nach einigen Monaten ziemlicher Kindergesundheit und Hauszufriedenheit und relativer Sorglosigkeit und nächtlicher Serienguckerei und Feiertagen und Kindergartenferien steht der Gemely mal wieder eine Herausforderung bevor: A-lex fährt im Februar weg. Er hatte im letzten Jahr gesundheitliche Probleme und Arbeitsüberforderung und kam und kommt im Alltag nicht dazu, mal nach den Ursachen zu gucken. Jetzt macht er eine Auszeit. Unseren Segen hat er, aber wie sich das dann für uns anfühlt, mit der Arbeit (Haus ist immer noch nicht GANZ fertig) und den Kindern zu dritt zu sein, das steht auf einem anderen Blatt. Und da hatten wir die Idee, nach Mithelfer*innen für den Februar Ausschau zu halten. Das war der Ausschreibungstext (den ich in einem Newsletter an über 5000 Empfänger*innen unterbringen konnte):

Februar 2018: Die Gemely sucht Unterstützung: Fröhliche Kinder und spannende Elterngruppe

Die „Gemely“ ist eine Gruppe von vier Erwachsenen, die zusammen drei Kinder (eine Tochter, 5, zwei Zwillingsjungs, 2) großziehen. Das klappt gut und schützt vor Überforderung, obwohl es natürlich auch nicht immer einfach ist. Im Sommer 2017 haben wir vier Erwachsenen in Sieben Linden ein Hochzeitsfest gefeiert und uns eine weitere gemeinsame Zukunft „versprochen“. Die Kinder haben zu uns allen einen guten Draht und sagen grundsätzlich „Mama“ zu uns.
Jetzt wird ein Gemely-Mitglied (Gemely steht für GEMeinsam ELtern und „familY“) im Februar nicht da sein, und da träumen wir von einer tollen Person, die Lust hat, in dieser Zeit täglich etwa 4-6 Stunden (stets zusammen mit einem von uns Elternteilen) die Kinder zu betreuen. Vor allem nachmittags, wenn die Große aus dem Kindergarten zurück ist und es dadurch drei Kinder zu betreuen gibt – alleine ist das sehr anstrengend.
Wenn du im Februar Zeit hast, selbständig, humorvoll und ein bisschen chaosresistent bist, dann melde dich bei uns! Wir leben in unserem Haus übrigens vegan, ansonsten sind wir ganz normal :-) .

Und jetzt hat sich ein 50-jähriger Mann gemeldet, der ein Foto mit sich und seiner Gitarre mitgeschickt hat und da sehr nett aussieht und sogar Erfahrung mit Wildnispädagogik und Waldkindergarten – also kleinen Kindern – hat. Ich hab ihm begeistert zurückgeschrieben und bin gespannt. Vielleicht mag er, wenn das klappt, ja auch mal was für diesen Blog schreiben, könnte eine interessante Perspektive sein.
Und wenn jemand von unseren Leser*innen hier (also z.B. du) Lust hat, uns per Mithilfe persönlich kennenzulernen, dann ist das ja eigentlich auch möglich, dafür müsste A-lex ja gar nicht unbedingt weg sein. Ein sehr exklusives Gästezimmer haben wir und die Gemeinschaft, in der wir wohnen, ist auch immer einen Besuch wert. Bis bald… Heiko